Die grossen Jäger-Legenden

Offensichtlich konnten Archäologen den musizierenden, spielenden und tanzenden Bewohnern des Neolithikums nichts abgewinnen und hielten an ihrer Jägertheorie fest.

So auch der Ausgräber von Çatal Hüyük, James Mellaart, der zwischen 1961 und 1965 einen Teil des südwestlichen Hügels frei legte. Çatal Hüyük gehört zu den frühesten Siedlungen der Jungsteinzeit, die während tausend Jahren von ca. 7200 bis etwa 6200 bestand. Mellaart ging - wie alle damaligen Archäologen – ganz selbstverständlich davon aus, dass es sich bei den Bewohnern um Jäger und Sammler gehandelt hat, was er mit Bildern zu dokumentieren versuchte. Zum Beispiel mit Bildern, die eindeutig tanzende Männer darstellen.

James Mellaart bezeichnet das Wandbild jedoch als ›Jagdheiligtum‹ (A III 1) und schreibt dazu: »Die Ostwand war mit einer viel Raum einnehmenden Darstellung tanzender Jäger, die mit Bogen und Keulen bewaffnet und in Leopardenhäute gekleidet waren sowie Mützen aus Leopardenhaut trugen.« (Mellaart ›Çatal Hüyük‹ 1967, Tafel 61-63) Eine völlig absurde Interpretation!

Im Neolithikum liess der leichte Zugang zu den natürlichen Ressourcen der Natur viel Zeit für Spiel und Spaß, für Beschaulichkeit, schöpferisches Tun und künstlerische Betätigung. Was geblieben ist, erlaubt uns einen Blick in das tägliche Leben der Menschen, in eine Zeit als eine Fülle von Kultur und Zivilisation entwickelt wurde. Dies betraf u.a. das Sammeln und den Anbau von Getreide und Gemüse und ihre Verarbeitung; das Suchen und Experimentieren mit essbaren, heilenden und betäubenden/schmerzstillenden Pflanzen und andern Ingredienzen, wie die ›Drecksapotheke‹ der vordynastischen ÄgypterInnen zeigt; die Domestikation von Haustieren; die Vorratshaltung; das Flechten von Körben und Matten; der Bau von Wohnstätten; die Kinderpflege und Erziehung; das Spinnen und Weben; die Herstellung von Kleidung, Kosmetik und Schmuck etc.

Bis zum Beginn der Bronzezeit und damit dem Beginn der Patriarchalisierung durch die kriegerischen Indo-Europäer hielten die Menschen die Erinnerung an die Ahninnen des mütterlichen Clans wach und verehrten und vergöttlichten ihre Urahnin als ›Grosse Mutter‹. Ihrer Religion gaben sie Ausdruck durch das Gestalten und Bemalen ihrer Häuser und wo vorhanden, von Höhlen. Höhlen repräsentierten für sie den Mutterleib der Göttin, die alles erschaffen hatte und als Mutter aller Menschen und Tiere und der Natur betrachtet wurde. Zu ihrer Verehrung fertigten sie weibliche Statuetten an aus Silex, Holz, Horn, Knochen, Elfenbein, Ton, Obsidian und Halbedelsteinen. Das alles geschah unter der Ägide der ältesten, erfahrensten und weisesten Frau, der Matriarchin. Sie leitete den Clan und sorgte für sein Wohlbefinden, für Gerechtigkeit und Frieden.

Ebenfalls aus Çatal Hüyük stammt das Bild mit einem riesigen Stier (Tafel 64). Vor und hinter dem Tier erblicke man Jäger, meint Mellaart. »Unglücklicherweise sind sie nur schlecht erhalten. Obwohl einige bewaffnet sind (was äusserst fragwürdig ist! DW) und obwohl die aufgeregten Jäger das Tier umringen, sieht man keine Wunde und auch nichts, was darauf hinwiese, dass das Tier getötet wird, daher ist es zweifelhaft, ob die Szene überhaupt eine Jagd darstellt.« (ibd. S. 168)

Mellaarts’ Zweifel sind berechtigt, dass Stierspiele auch unblutig sein können, zeigt ein Brauch in Spanien, wo man den ›Concurso de recortes‹ kennt. »Nicht jeder Stierkampf in Spanien muss den Tod des Stieres zur Folge haben. Nicht jeder Stierkampf zielt darauf ab, den Stier zu verletzen. Denn es gibt auch den Stierkampf, in dem der Mensch ohne Waffen und Hilfsmittel, wie dem so genanntem Roten-Tuch, dem Stier direkt entgegentritt. Hier kann man kaum von Tierquälerei reden, aber vor allem vom Mut dieser Männer, die vor und mit dem Stier diese Kunststücke vollbringen.« (Forum Spanien-Treff im web)

Doris Wolf ›Das andere Ägypten-Buch‹