CH: Hintergehen die Jäger jetzt auch den Bundesrat?

Reinhard Schnidrig, oberster Jagdaufseher der Schweiz

Der Bundesrat hat an seiner Sitzung vom 27. Juni 2012 die Jagdverordnung revidiert.

Er schafft damit die Grundlage für einen den heutigen Ansprüchen entsprechenden Umgang mit Wildtieren. Die Verordnung erweitert insbesondere die Möglichkeiten der Regulation von Wildtieren, die grosse Schäden oder erhebliche Gefährdungen verursachen. Gleichzeitig wird der Schutz der Wildtiere vor Störungen durch Freizeitaktivitäten verbessert. Die Revision tritt am 15. Juli 2012 in Kraft.

Wildtiere bereichern die Kulturlandschaft der Schweiz. Sie können aber auch Schäden und Konflikte verursachen. Solch negativen Auswirkungen muss vorgebeugt werden und es gilt, zwischen Schutz und Nutzung ein Gleichgewicht zu finden; dies bei jagdbaren und bei geschützten Tieren. Für die geschützten Arten Luchs, Wolf und Biber erweitert die revidierte Jagdverordnung die bestehenden Möglichkeiten zur regionalen Regulierung. Neu können die Kantone deren Bestände regulieren, wenn die Tiere Infrastrukturanlagen erheblich gefährden, grosse Schäden an Nutztieren verursachen oder den Wildbestand übermässig vermindern. Eine solche Regulation setzt eine Bewilligung des Bundes voraus und darf nur erteilt werden, wenn dadurch die Artenvielfalt nicht gefährdet wird.

Die verstärkte Nutzung der Natur durch Freizeitaktivitäten erhöht den Druck auf die Rückzugsräume der Wildtiere. Wildtiere sind insbesondere im Winter auf ungestörte Lebensräume angewiesen. Störungen führen zu unnötigem Energieverbrauch, den die Tiere nicht kompensieren können. Um das Wild vor übermässigen Störungen zu schützen, schafft die Jagdverordnung die Möglichkeit, dass die Kantone unter Einbezug der Verbände und Organisationen Wildruhezonen bezeichnen können. Diese Zonen dürfen Sportlerinnen und Touristen nur zeitweise und dann höchstens auf speziell bezeichneten Routen und Wegen begehen.

Wichtigste weitere Änderungen im Überblick

  • Der Tierschutz auf der Jagd wird verbessert: Neu gilt für alle einheimischen Wildtiere eine Schonzeit. Totschlagfallen sind verboten. Jägerinnen und Jäger müssen periodisch ihre Treffsicherheit nachweisen. Zudem wird das Töten von Wild klarer geregelt, die Baujagd schärfer geregelt und die Ausbildung der Jagdhunde verbessert.
  • Der Natur- und Artenschutz wird verbessert, indem neu präventive Bestimmungen gegen das Freisetzen von problematischen, nicht einheimischen Tierarten erlassen werden. Zudem sind Rebhühner neu geschützt.
  • Der Umweltschutz wird verbessert, indem neu ein Verbot zur Verwendung von Bleischrot für die Wasservogeljagd erlassen wird.
  • Bezüglich der Jagd werden diverse Möglichkeiten geschaffen, um jagdbare Arten, die grosse Schäden anrichten, leichter zu regulieren. So werden die Schonzeiten von Kormoran und Wildschwein um einen Monat verkürzt und die Saatkrähe wird als jagdbar erklärt. Neu wird für Berufsfischer zudem die Voraussetzung zur eigenverantwortlichen Abwehr von Kormoranschäden geschaffen.

Der Bundesrat hat am 27. Juni 2012 den Anhörungsbericht verabschiedet und die revidierte Jagdverordnung auf den 15. Juli 2012 in Kraft gesetzt.


Pro Natura Mediencommunique: Revidierte Jagdverordnung - Auch dem Biber geht es an den Kragen

Wenn ein Kanton weniger Jagdertrag hat, weil ein Luchs oder ein Wolf bei der natürlichen Regulation der Wildtiere mithilft, können Wolf und der Luchs mit der heute in Kraft gesetzten Jagdverordnung geschossen werden. Pro Natura stört sich nicht nur an diesem Punkt der neuen Verordnung: Die neue Bestimmung ebnet ausserdem den gesetzlichen Boden, um Konflikte mit dem Biber mit dem Gewehr statt mit Weitsicht zu lösen. Das sind aus Sicht von Pro Natura grosse Rückschritte im Umgang mit einheimischen Tieren.

Nicht nur Wolf und Luchs sind durch die neue Jagdverordnung weniger gut geschützt, auch der Biber kommt unter Druck. Mit einer neuen Regelung soll die geschützte Art vermehrt abgeschossen werden können. Anstatt dem Biber mit zusätzlichen Gewässerräumen mehr Platz zu gewähren und dadurch Schäden an zu nahe an Flüsse und Bäche heranreichenden Nutzungen zu vermindern, fällt die neue Jagdverordnung für die Biber das Todesurteil, wenn Infrastrukturen gefährdet werden. Dabei schreibt die neue Gewässerschutzverordnung mehr Raum für Gewässer vor. Der Biber ist für die Belebung und Aufwertung der Gewässerräume von grosser Bedeutung und hilft mit seiner Bautätigkeit bei der nötigen Revitalisierung von Gewässern mit. Pro Natura verlangt, dass die Umsetzung der Gewässerräume von den Kantonen rasch vollzogen wird. «Damit können die meisten Biberschäden vermieden werden», sagt Mirjam Ballmer, Projektleiterin Naturschutzpolitik bei Pro Natura.

Jagdliche Einbussen sind kein Abschussgrund

Im Jagdgesetz wird definiert, dass Schäden an Wald und landwirtschaftlichen Kulturen begrenzt werden müssen und die Jagd wird auf die angemessene Nutzung von Wildtierbeständen beschränkt. Innerhalb dieses gesetzlichen Rahmens anerkennt Pro Natura die nachhaltige Jagd in der Schweiz. Die neue Jagdverordnung erweitert jetzt den Schadensbegriff auf Einbussen der Kantone bei der Jagd. Pro Natura kritisiert dies vehement. Die Ausweitung des Schadensbegriffs ist für Pro Natura nicht akzeptabel und wird in der Praxis, wenn überhaupt, nur willkürlich anwendbar sein. Dies wird zu vielen unnötigen Diskussionen führen.


Medienmitteilung SVS/BirdLife Schweiz

Geschützte Tierarten sollen neu geschossen werden können, wenn sie zu viele jagdbare Tiere fressen und dadurch der Jagdertrag der Kantone zurückgeht. Der Schweizer Vogelschutz SVS/BirdLife Schweiz findet es bedenklich, dass mit der vom Bundesrat beschlossenen Revision der Jagdverordnung geschützte Arten zu Schädlingen gemacht werden. Begrüsst werden hingegen die Ruhezonen für Wildtiere, doch besteht die Gefahr, dass mit der gewählten „Kann-Formulierung“ deren Realisierung durch die Kantone stark verzögert wird. In der heute flächendeckend durch Erholungsbetrieb genutzten Schweiz sind Wildtierruhezonen wichtig und dringend.

Mit der starken Ausweitung der Eingriffsmöglichkeiten gegen geschützte Tierarten in der revidierten Jagdverordnung gibt der Bundesrat aus Sicht des Schweizer Vogelschutzes SVS/BirdLife Schweiz ein Signal in die total falsche Richtung. Er ermöglicht neu Abschüsse von geschützten Arten, wenn sie andere Wildtiere fressen und dadurch die Einnahmen aus dem Jagdregal zurückgehen. Doch Fressen und Gefressenwerden ist die Grundlage der Nahrungsnetze der Natur und darf nicht zum Wildschaden degradiert werden.

Die Biodiversität in der Schweiz ist bedroht und braucht nicht neue Eingriffsmöglichkeiten, wie sie nun gegen Luchs, Wolf und Biber geschaffen wurden, sondern verstärkten Schutz. Hier wurde bei der Revision der Jagdverordnung die Chance für echte Verbesserungen vertan. Der SVS/BirdLife Schweiz begrüsst die neuen Ruhezonen für Wildtiere, kritisiert aber die jetzt beschlossene „Kann-Formulierung“. Im Vernehmlassungsentwurf waren die Kantone noch verpflichtet worden, diese Ruhezonen zu schützen. Nun besteht die Gefahr, dass ihre Realisierung auf die lange Bank geschoben wird.

Vertan wurde auch die Chance, bisher noch jagdbare Arten, die auf der Roten Liste der gefährdeten Arten stehen, endlich zu schützen, vor allem die Waldschnepfe. Hingegen wurden der Schutz der Saatkrähe aufgehoben und mit der Verlängerung der Jagdzeit des Kormorans dessen Abschussmöglichkeiten in die Brutzeit hinein erweitert, obwohl letztes Jahr das Bundesverwaltungsgericht klar festgehalten hatte, dass die Berufsfischer nicht einmal im Bereich der grössten Kormoranbrutkolonie untragbare Schäden erleiden.

Insgesamt sind die Verschlechterungen gewichtig, die Verbesserungen aber ungenügend. Zudem sind in der Medienmitteilung des Bundes als Verbesserungen des Schutzes erwähnte Punkte rein textlicher Art: Das Rebhuhn ist seit über zwanzig Jahren geschützt, und bereits bisher gilt ein Bleischrotverbot in Flachwasserzonen und Feuchtgebieten.